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Starmind: Wahre künstliche Intelligenz gibt es erst, wenn Prinzipien der menschlichen entschlüsselt sind

30

Nov
2017

Veröffentlicht am 30.11.2017
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Beim zweiten German VR Day des Bundesverbandes Digitale Wirtschaft (BVDW) wird es am 7. Dezember auch um künstliche Intelligenz (KI) gehen. Mit dieser Technik lassen sich virtuelle Welten in Echtzeit berechnen, die sich wie im wahren Leben verändern können. KI ist auch der Kern des Digital Brain, des internen Know-How-Netzwerks von Telefónica Deutschland

Die Technologie dafür entwickelte Pascal Kaufmann, einer der Gründer der Schweizer Firma Starmind, gemeinsam mit seinem Mitgründer Marc Vontobel. Der Hirnforscher wird bei der Veranstaltung im Telefónica BASECAMP dabei sein und hat eine ganz eigene Sicht auf den neuen KI-Trend, die er uns heute im Interview darstellt.

Fast überall redet man jetzt von künstlicher Intelligenz und feiert ihre Erfolge. Was ist dran an dieser Entwicklung?
Wahre KI existiert bisher noch gar nicht. Es wird sie auch nicht geben, wenn Forscher und Unternehmen nicht endlich aufhören, die menschliche Intelligenz mit Computern zu vergleichen und sich stattdessen darauf konzentrieren, die Funktionsweisen des Gehirns durch die Anwendung der Neurowissenschaft zu verstehen. Unser Gehirn funktioniert ganz anders als ein Computer, wenn es Informationen verarbeitet, Wissen abruft oder Erinnerungen speichert.

Pascal Kaufmann, Mitgründer von Starmind.

Pascal Kaufmann, Mitgründer von Starmind.

Und warum redet man dann von künstlicher Intelligenz?
Wenn Unternehmen heute behaupten, dass sie KI für ihre Produkte nutzen, dann meinen sie damit in Wirklichkeit die Verknüpfung von Big Data, Analytics und Automatisierung. Doch diese sogenannte KI ist eigentlich nur die menschliche Intelligenz von Programmierern, die zu Quellcode verdichtet wurde.

Was bedeutet das?
Wir sollten keine 300 Millionen Katzenbilder benötigen, um erkennen zu können, was eine Katze, eine Kuh oder ein Hund ist. Intelligenz hat nichts mit Big Data zu tun, sondern mit kleinen Datenmengen. Wenn man eine Katze ansehen und ihre Prinzipien erkennen kann, so wie Kinder es tun, dann versteht man für immer, was eine Katze ist. Das ist Intelligenz.

Was ist mit AlphaGo? Diese Software hat selbst die intelligentesten Meister im Go geschlagen. Und das gilt als anspruchsvollstes Strategiespiel der Welt.
Auch das war keine wahre KI. Die Technik war lediglich fähig, die nächsten zehn bis 20 möglichen Spielzüge zu betrachten und sich für jene zu entscheiden, die mit der höchsten Wahrscheinlichkeit Erfolg haben. Das war eine regelbasierte Entscheidungsstrategie und keine künstliche Intelligenz. Davon kann man erst reden, wenn Maschinen auch abseits von regelbasierten Spielen eigene Strategien entwickeln können. Ich glaube übrigens auch, dass sie dann schummeln werden, wenn man sie nicht dagegen programmiert.

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Aber die Maschinen lernen doch dazu. Ist das kein Zeichen von Intelligenz?
Ihre Fähigkeit, menschliches Verhalten oder Arbeit zu automatisieren, ist nicht notwendigerweise ein Merkmal dafür, dass Maschinen immer intelligenter werden. Das ist wie bei einer Pumpe: Statt unser Wasser am Fluss zu holen, können wir auch eine Pumpe nutzen. Aber das ist keine künstliche Intelligenz, sondern einfach die Automatisierung von manueller Arbeit. Eine künstliche Intelligenz, die vergleichbar mit menschlicher wäre, könnte ihr Wissen auf neue Situationen anwenden.

Die Entwicklung geht momentan rasant voran. Facebook plant schon, eine Schnittstelle zwischen Gehirn und Computer zu bauen, und Elon Musk will sogar das menschliche Gehirn mit künstlicher Intelligenz verschmelzen. Da kann man sich schon fragen, ob es noch lang dauert bis zur wahren KI.
Ich glaube, dass man zuerst einmal den Gehirncode knacken muss, bevor es wirklich vorangeht in diesem Bereich. Und das kann nur durch neurowissenschaftliche Forschung erreicht werden. Eine künstliche Intelligenz kann nur durch das Verstehen der natürlichen entwickelt werden. Statt unser Geld in immer schnellere Computer zu investieren, sollten wir uns lieber darauf konzentrieren, die Prinzipien der menschlichen Intelligenz zu verstehen.

Marc Zuckerberg und Elon Musk haben ganz unterschiedliche Sichtweisen auf das Thema: Der Tesla-Chef warnt vor einer “bösen KI”, welche die Menschheit zerstören kann, wenn sie nicht richtig überwacht und reguliert wird. Und der Facebookgründer sagt, dass KI unser Leben verbessert, weil sie beispielsweise Krankheiten schneller erkennt.
Ich finde es sehr interessant, dass die beiden so starke und gegensätzliche Ansichten haben, obwohl sie keinen Hintergrund in KI oder Neurowissenschaften besitzen. Der eine warnt vor künstlicher Intelligenz und der andere möchte sie nett aussehen lassen. Doch dabei ist es wie bei jeder Technik: Sie kann zum Guten oder zum Schlechten benutzt werden. Wir müssen sie nur viel objektiver einschätzen.

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Foto: pixabay / Seanbatty

Und wo soll die Entwicklung hingehen?
Wir müssen die KI-Systeme so konzipieren, dass Mensch und Maschine zusammenarbeiten statt gegeneinander. Ich stelle mir beispielsweise intelligente Linsen vor, ähnlich wie Google Glass, die wie eine dritte Gehirnhälfte funktionieren und uns bei Gesprächen mit relevanten Zusatzinformationen versorgen. Man muss doch eigentlich überhaupt nicht wissen, wer wen im alten Rom getötet hat, sondern nur die richtigen Fragen stellen können. Der entscheidende Unterschied zwischen Mensch und Maschine ist, dass wir Fragen stellen können. Und Maschinen sind mehr für Lösungen da.

Aber können wir überhaupt die richtigen Fragen stellen?
Das schafft längst nicht jeder, weil in den Schulen vor allem Faktenwissen gelehrt wird. Wer sich am besten an die Fakten erinnert, der bekommt auch die besten Noten. Deswegen glaube ich, dass man den Menschen heute vor allem beibringen muss, die richtigen Fragen zu stellen. Eine gute Frage enthält schon 50 Prozent der Lösung. Richtige Fragen helfen nicht nur, die Prinzipien des Gehirns zu verstehen sowie wahre KI zu entwickeln. Sie können auch dafür sorgen, dass wir Menschen relevant bleiben, während sich KI-Systeme immer weiter ausbreiten.

Und daran arbeitet Starmind?
Während viele Unternehmen menschliche Arbeit vollständig automatisieren wollen, streben wir eine Symbiose zwischen Menschen und Maschinen an. Die menschliche Intelligenz soll erweitert werden. Das selbstlernende System von Starmind verknüpft und kartographiert unternehmensinternes Know-how von sehr großen Menschengruppen. Auf diese Weise kann jeder Mitarbeiter auf ein gemeinsames Unternehmensgehirn zugreifen, wenn er Fragen hat.

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Screenshot: Starmind

Wie funktioniert das?
Unsere Technik integriert sich in bestehende Kommunikationskanäle wie Skype for Business oder den Browser, damit die Mitarbeiter ihre bisherigen Arbeitsweisen nicht ändern müssen. Wer eine Frage in die Eingabemaske eingibt, bekommt sofort eine Antwort, falls sie schon früher einmal beantwortet wurde. Neue Fragen werden automatisch an passende Experten im Unternehmen weitergeleitet, basierend auf ihren Fähigkeiten, Verfügbarkeit und der bisherigen Bereitschaft zum Austausch von Know-how. Jede neue Antwort vergrößert die Wissensbasis des Unternehmens. Ich bin überzeugt: Wenn man tausende menschliche Gehirne geschickt verbindet, dann sind sie klüger als jede Maschine.

Aber was ist der Unterschied zu normalen Suchmaschinen?
Google ist im Grunde eine Big-Data-Maschine. Durch Data Mining werden Antworten auf Fragen gefunden, die früher schon jemand stellte. Aber damit lassen sich keine neuen Fragen beantworten. Die Software von Starmind soll dagegen schon bald sogar Fragen vorhersehen, bevor sie überhaupt gestellt werden. Es lässt sich beispielsweise absehen, dass neue Mitarbeiter mit 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit wieder bestimmte Fragen stellen werden, nachdem sie einen bestimmten Text im Intranet gelesen haben. Also können wir ihnen auch gleich die Antworten geben.

Mehr Informationen:

Mehr über die Starmind Brain Technology (nur Englisch)
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Keine Science Fiction: So will Elon Musk dein Hirn mit dem Computer vernetzen (welt.de, 28.03.2017)
Entwicklerkonferenz F8: Facebook bastelt an Hirn-Computer-Schnittstelle (computerwoche.de, 21.04.2017)
Künstliche Intelligenz: Zuckerberg gegen Musk – wer hat Recht? (faz.net, 26.07.2017)

Über den Autor

Unser Pressesprecher für Innovationen, B2B, Startups und Social Media absolvierte die Deutsche Journalistenschule und arbeitete viele Jahre für FTD, DIE ZEIT, Wirtschaftswoche und andere Medien. Daneben schrieb Markus Oliver Göbel für bekannte Blogs wie TechCrunch oder The European.