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Foto: (c) SXSW, Aaron Rogosin
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South-by-Southwest (SXSW) 2017: Die Zukunft ist nah und es beginnt in Texas

20

Mrz
2017

Veröffentlicht am 20.03.2017
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Foto: (c) SXSW, Aaron Rogosin
Das waren die wichtigsten Technologie-Trends auf der SXSW 2017 – dem weltgrößten Innovationsfestival in Austin, Texas: Man muss sich die South-by-Southwest wie eine Invasion vorstellen. Für neun Tage belagern fast 100.000 Menschen die gesamte Innenstadt von Austin, Texas, um neue Ideen und Technologien, neue Musik und neue Filme zu entdecken.

Zwischendurch werden sehr viele texanische Rippchen gegessen, noch mehr Biere getrunken und mit all den Visitenkarten, die auf Networking-Events getauscht werden, könnte man wahrscheinlich das White House als Kartenhaus nachbauen. Zweimal.

SXSW: Jedes Jahr ein Highlight der Branche | Foto: (c) SXSW, Aaron Rogosin

SXSW: Jedes Jahr ein Highlight der Branche | Foto: (c) SXSW, Aaron Rogosin

Es gibt dabei nicht die eine SXSW-Erfahrung. Das Angebot an Themen und Veranstaltungen ist so groß, dass Besucher X eine komplett andere SXSW 2017 gesehen haben kann, als Besucher Y – selbst wenn beide (wie ich) nur auf dem sogenannten “Interactive”-Teil unterwegs waren, dem rasant gewachsenden Technologie-Track des Festivals, das vor 30 Jahren einmal als reine Musik-Veranstaltung angefangen hat. Dennoch gibt es einige größere Trends, denen man auf der SXSW 2017 nicht entkommen konnte.

Hackathon, Foto: (c) SXSW, Randy Smith

Hackathon, Foto: (c) SXSW, Randy Smith

Auffällig war, wie viele Panels und Vorträge sich mit den potenziellen Gefahren und politisch herausfordernden Seiten des technischen Fortschritts befassten. Dem großen amerikanischen Tech-Optimismus, der aus Deutschland in der Vergangenheit so gern mit Argwohn betrachtet wurde, ist – zumindest auf der SXSW – einer neuen Ernsthaftigkeit gewichen. Viele Panels waren geprägt von dem Bewusstsein, das all die neuen Werkzeuge und Technologien wie künstliche Intelligenz, Machine Learning, die Verarbeitung riesiger Datenmenge in der Cloud eben auch zu problematischen Zwecken verwendet werden können.

#SXSW17: Erstmals skeptische Töne von der Tech-Elite

Die MIT-Forscherin Kate Crawford warnte in ihrem Vortrag “Dark Days: AI and the Rise of Fascism vor autoritären Regimen, die anders als etwa einst die Nazis heute über hochentwickelte Technologie verfügen könnten, um Bürger zu überwachen und zu schikanieren. Der Science-Fiction-Autor und Netz-Aktivist Cory Doctorow stellte die gewachsene Technologieskepsis auf der SXSW direkt in einen Zusammenhang mit der neuen politischen Lage in den USA: “Obama war unglaublich lax in der Ausweitung der Datenspeicherung, der exekutiven Werkzeuge, der geheimen Dienste. Jetzt ist Trump an der Macht und kann mit all den Spielzeugen spielen, die ihm Obama überlassen hat.

Foto: (c) SXSW, Michael Buckner

Foto: (c) SXSW, Michael Buckner

Diverse Panels befassten sich jedoch auch mit der Frage, wie Technologie die Demokratie schützen und unterstützen kann etwa im Kampf gegen die sogenannten Fake News – also absichtlich verbreiteten Falschmeldungen. So wurde zum Beispiel von der Organisation Politifact ein automatisiertes Fact-Checking-Tool entwickelt, das per Spracherkennung (und Beispiel verknüpft mit dem von Amazon vertriebenen Lautsprecher “Echo”) Fragen beantworten kann wie: “Hat Donald Trump damals den Irakkrieg unterstützt?”.

Claimbuster: Fake News durch Algorithmen entlarven

Forscher der University of Texas in Arlington wiederum haben mit “Claimbuster” ein System entwickelt, das in riesigen Textmengen überprüfbare Aussagen auffindig macht. Und an der Duke University wurde das Tool “iCheck” entworfen, das extrem zeitaufwändige Recherchen zum bisherigen Abstimmungsverhalten von Politikern automatisieren soll. Nach Meinung der Panelisten sind wir nicht mehr weit von einer Zeit entfernt, in der man zum Fact-Checking in Echtzeit nur noch sein Handy hochhalten und mithören lassen muss. Bei jeder Falschaussage gäbe es dann ein Signal: “Wrong!”

Foto: Flickr / Brandon-Carson (CC)

Foto: Flickr / Brandon-Carson (CC)

Ein letzter neuer Trend ist ein alter: Wie bereits in den letzten Jahren gab es unzählige Panels, Workshops, Showcases zum Thema Virtual Reality: Man konnte VR-Schlagzeuge spielen, VR-Malkurse belegen, VR-Filme schauen (wie zum Beispiel den sensationellen Arte-Film “Notes on blindness”, der das sehr bewegende Tagebuch des erblindeten Forschers John Hull interaktiv zum Leben erweckt.) An beinahe jeder Ecke des Festivals sah man Menschen mit einer VR-Brille vor dem Gesicht umhertappsen oder gebannt irgendwohin starren. Bis das in ebenso vielen Wohnzimmern passiert, wird es nun wohl wirklich nicht mehr lange dauern. (Auch wenn man das ja auch schon ziemlich lange denkt!)

Accelerator Pitches, Foto: (c) SXSW

Accelerator Pitches, Foto: (c) SXSW

Aus Deutschland gab es zwei interessante Entdeckungen: Zum einen das Hamburger Start-Up Horse Analytics, das es mit seinen Bewegungstrackern für Pferde in den Accelerator-Wettbewerb der SXSW geschafft hat. Und das Berliner Unternehmen Holoplot, das ein Audiosystem entwickelt hat, mit der man Schall davon abhalten kann, sich unkontrolliert im Raum zu bewegen.

Stattdessen lässt er sich mit Hilfe softwaregesteuerter Lautsprecher extrem präzise im Raum richten – im Grunde wie den Lichtstrahl einer Taschenlampe –, sodass zum Beispiel die linke Hälfte eines Konferenzpublikums den Originalton vom Panel hören kann und die rechte Hälfte eine Übersetzung, ohne dass dafür Kopfhörer notwendig sind. Das Prinzip dahinter: Wellenfeldsynthese.

Faszinierend? Fand die Jury des SXSW Innovation Award auch. Holoplot hat damit den Preis in der Kategorie “Music&Audio” gewonnen. Neben vielen beunruhigenden gab es auf der SXSW 2017 also durchaus auch positive Nachrichten. Und nun bleibt genau Jahr, um der Zukunft wieder ein Stück näherzukommen. Denn nach der SXSW ist vor der SXSW.

Mehr Informationen:

SXSW online: Website
SXSW Videos : YouTube Channel SXSW
Alle Preisträger und Kategorien: Interactive Innovation Awards

Über den Autor

Unser Gastautor Lars Gaede ist Journalist, Moderator und Textchef der deutschen Ausgabe des Popkulturmagazins Interview. Zuvor war er Redakteur bei Neon in München und bei Wired in Berlin. Außerdem ist er Mitgründer von Work Awesome, einer Konferenzreihe über die Zukunft der Arbeit in New York, die ab 2017 auch nach Berlin kommt.