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Legal Techs: Recht bekommen mit wenigen Klicks?

05

Mrz
2018

Veröffentlicht am 05.03.2018
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Foto: Henrik Andree

Netzwerktreffen young+restless zum Thema “Bereit für die Zukunft – Mischen Legal-Techs den Markt auf?”: Mit wenig Aufwand rechtskonforme Verträge erstellen, in 24 Stunden bis zu 30.000 Euro Abfindung erhalten – was nach traumhaften Zukunftsvisionen klingt, garantieren Legal-Techs ihren Kunden schon heute. Was hinter den Versprechen steckt, welche Ziele die jungen Unternehmen verfolgen und ob Anwälte in Zukunft überhaupt noch nötig sein werden – darüber diskutierten vier Start-Ups am 1. März bei der Netzwerkveranstaltung young+restless im Telefónica BASECAMP in Berlin, die dieses Mal von unseren Pressesprecher Markus Oliver Göbel moderiert wurde.

Zentraler Aspekt und Erfolgsrezept der Legal-Tech-Start-Ups sind die Datenauswertung und die Standardisierung und Automatisierung von Prozessen, die normalerweise in den Händen der Anwaltskanzleien liegen. Doch die Digitalisierung der Rechtsberatung wird von vielen misstrauisch betrachtet. Ein Unternehmen, das dies bereits zu spüren bekommen hat, ist Abfindungsheld: Erst kürzlich ging ein Anwaltsverein gegen die Werbeaussagen des Start-ups vor – und bekam recht. Pierre Koumou-Okandze aus dem Bereich Legal und Operations des Unternehmens sieht das unproblematisch: “Das zeigt uns doch, dass wir was Wichtiges machen. Dass es die Anwälte bewegt.”

In 24 Stunden zur Abfindung

Abfindungsheld hilft Menschen, denen unrechtmäßig gekündigt wurde, ihre Abfindung zu erhalten – mit wenigen Klicks über ein Online-Tool. Der Nutzer füllt einen Fragenkatalog aus, lädt einige Dokumente hoch und bekommt am Ende eine Summe angezeigt, die Abfindungsfeld ihm sofort zahlt – zum Teil innerhalb von 24 Stunden. Die Kosten und große Ehrfurcht halte viele Menschen davon ab, zum Anwalt zu gehen, meint Koumou-Okandze. Zudem kritisiert er scharf: “Können die Anwälte einem die beste Lösung geben? Ja. Tun sie es? Nein.” Dies sei einer der Gründe dafür, dass Legal-Techs aktuell aus dem Boden sprießen.

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Pierre Koumou-Okandze, Foto: Henrik Andree

Wie das unternehmerisch funktionieren kann, erklärt Koumou-Okandze: Abfindungsheld werte Daten aus, um die Abfindungssumme und die Erfolgswahrscheinlichkeit zu ermitteln. Der Kunde erhalte dann etwa 64 bis 75 Prozent der Summe, der Rest gehe auf das Konto von Abfindungsheld. Die datenbasierten Berechnungen liefern dabei eine große Sicherheit, ein Restrisiko bleibt jedoch für das Unternehmen.

Ungleichheiten beseitigen, Verbraucher stärken

Nach einem ähnlichen Prinzip funktioniert Flightright – mittlerweile seit sieben Jahren in der Branche tätig. Das Unternehmen hilft Passagieren dabei, eine Entschädigung zu erhalten, nachdem ihr Flug gestrichen wurde. Mit Erfolg: Flightright blickt auf 36 Tausend gewonnene Verfahren und 150 Millionen durchgesetzte Forderungen zurück. “Der Passagier ist alleine und die Airline ist groß und klug und hat eine Rechtsabteilung”, erläutert Oskar de Felice, Rechtsstratege bei Flightright, die Motivation des Unternehmens. Die Datenauswertung führe dazu, dass Flightright über extrem viele Informationen verfüge, die ein Anwalt alleine nicht habe. Das Unternehmen wisse nicht nur, welche außergewöhnlichen Umstände tatsächlich zum Flugausfall beigetragen haben, sondern auch, ob bereits Gerichtsentscheidungen zu ähnlichen Fällen vorliegen und in welchen Städten sich Entschädigungen besser als in anderen einfordern lassen.

Oskar de Felice, Foto: Henrik Andree

“Das bedeutet aber nicht, dass wir Anwälte abschaffen wollen”, erklärt de Felice. Bei allen Legal-Techs arbeiteten ja auch Anwälte. “Was der Anwalt jedoch nicht leisten kann, ist der Zugang zum Recht.” Seiner Ansicht nach seien Legal-Techs daher das neue Ding, wenn es darum ginge, Ungleichheiten zu beseitigen und das Recht zu demokratisieren.

Kanzleien in der Administration entlasten

Rechtsberatung zugänglicher machen – das ist auch Ziel von Jurato. Philipp von Bülow gründete das Unternehmen vor vier Jahren, nachdem er sich selbst auf der Suche nach einem Anwalt gefragt hatte: “Wieso ist das eigentlich so kompliziert?” Seine Lösung war ein Rechtsportal – eine Art Marktplatz – für die Vermittlung und Verwaltung von Rechtsfällen. Mandanten können ihre Fälle dort hochladen und verschiedene Angebote von Anwälten einholen. Um Konkurrenz zu vermeiden, gilt: “Die Anwälte sehen ihre Angebote untereinander nicht”, erklärt von Bülow. Anwälte könnten die Plattform zudem nutzen, um mit ihren Klienten zu kommunizieren und beispielsweise Termine zu vereinbaren.

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Philipp von Bülow, Foto: Henrik Andree

Das Interesse an den Angeboten von Jurato seitens der Unternehmen steigt laut von Bülow kontinuierlich. “Viele Unternehmen verstehen mittlerweile, dass Rechtsabteilungen auch administrative Aufgaben haben und bitten dafür um Hilfe.” Jurato wolle das Personal jedoch nicht ersetzen, sondern ihm lediglich administrative Aufgaben abnehmen. “Anwälte können sich dann auf die wichtige Arbeit konzentrieren.”

Recht für jedermann

Auch Legal OS möchte seinen Kunden die Administration im Alltag erleichtern – und geht dafür das Thema Verträge an. “Alle Unternehmen haben eines gemeinsam: Rechtsfragen und Rechtsverträge sind ein Grund für Angst und Unsicherheit”, erklärt Charlotte Kufus, Co-Founder and Managing Director von Legal OS. Viele Unternehmen arbeiteten mit Musterverträgen oder ließen sich die Verträge vom Anwalt erstellen – und wüssten in Folge dessen nicht, was dort eigentlich drinsteht. Mit einem Team von fünf Juristen – ihren “Wissensarchitekten” – hat Legal OS sein Composition Tool erstellt, mit dem sich Unternehmen ihre Verträge aus Bausteinen selbst zusammenbauen können. Im dazugehörigen Managament-System werden alle Verträge übersichtlich dargestellt. Dort lassen sich beispielsweise Gesamtausgaben für Gehälter oder relevante Deadlines einsehen. “Zudem kann man nach Klauseln schauen und gucken, welche Verträge diese beinhalten”, erklärt Kufus.

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Charlotte Kufus, Foto: Henrik Andree

Wie alle Start-ups an diesem Abend hat Legal OS eine klare Vision: “Wir sehen die Disruption darin, dass wir Recht für jedermann zugänglich machen!” Distanz abbauen, Verbraucher stärken, Recht für jeden zugänglicher machen – auf unterschiedlichen Wegen scheinen die jungen Legal-Techs ähnliche Ziele zu verfolgen. Welche Ideen sich am Ende durchsetzen und wie Anwälte und Kanzleien auf den zunehmenden Wandel ihres Berufsfelds reagieren, bleibt abzuwarten.



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Von Luise Schneider

Über den Autor

Marina ist für den Aufbau von Kooperationen im Wissenschaftsbereich, sowie die Themen Data Science, Arbeit 4.0, IoT und für Use-Cases für das Telefónica BASECAMP mitverantwortlich. Zuletzt hat Marina beim Fraunhofer-Institut FOKUS strategische Kommunikation auf dem Gebiet der digitalen Transformation, der digitalen Gesellschaft, Smart Cities und Industrie 4.0 vorangetrieben und das Fraunhofer Innovationscluster „Next Generation ID“ geleitet.
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